Für eine optimale Erfahrung der Inhalte dieser Website wird ein entsprechend großer Bildschirm empfohlen.


Frederic Mistral

Eine Donau-Legende als Modell

Der Artikel von Charly Minke in Österreich Maritim Nr. 6 stellte einen Modellnachbau der FREDERIC MISTRAL aus dem Baukasten DUNA der Firma Anfora/Sergal vor. Charly zauberte aus dem vorhandenen Material in erstaunlich kurzer Bauzeit ein sehr gelungenes Modell mit viel Charme, das nun im Technischen Museum in Wien seinen verdienten Standort gefunden hat.
Ich hatte zufällig diesen Baukasten zu Hause und wollte das Modell mit Dampfantrieb und Fernsteuerung realisieren. Im Frühjahr 2002 begann ich mit dem Bau. Für die Bauzeit hatte ich ca. drei Monate veranschlagt, doch es sollte anders kommen.

Rumpf
Im Sommer 2002 nahm ich an den Renovierungsarbeiten an der „großen“ FREDERIC MISTRAL teil und hatte dabei die Gelegenheit, zu fotografieren und Originalmaße abzunehmen. Beim Vergleich mit den Baukastenplänen ergaben sich Unterschiede vor allem hinsichtlich der Rumpfform vor dem Hauptspant. Der Spantenriss der DUNA glich aber dem ursprünglichen französischen MISTRAL-Modellplan, den Charly mir geborgt hatte. Also war dort schon der Wurm drin. Ein genauer Vergleich der Decksbreiten ergab, dass die Duplizierung des Hauptspants Nr.6 und das

Vorrücken der Spanten Nr. 7 bis Nr.10½ um eine Position zum Bug hin dem fülligen Vorschiff des Originals schon viel besser entsprach. Damit hatten sowohl die Ankerwinde als auch der von Kapitän Franz Scheriau angefügte Decksalon einigermaßen Platz.
Den bereits fertiggestellten Rumpf verbreiterte nun ich auf das neue Maß und ergänzte auch die Polystryrolbeplankung in diesem Bereich. Die Größe und Lage der einzelnen „Planken“ entspricht dabei in etwa den Eisenplatten des Originals. Die Nietenreihen wurden mit Weißleimpunkten angedeutet. Die aus Pertinax, Sperrholz und Polystyrol gefertigten Aufbauten sind in zwei Teilen abnehmbar. Zum einen der Hauptaufbau mit Steuerhaus und Salon, zum anderen die Überbauung des Maschinenraums mit einem Stück Deck rundherum, auf dem auch der Schlepphaken und der hintere Mast befestigt sind. Dieser Deckausschnitt ist für das Einsetzen des Antriebs notwendig.

Antrieb
Im Rumpf des Modells ist nicht viel Platz, also besorgte ich eine zweizylindrige, doppelt wirkende, oszillierende Mini-Dampfmaschine „Andreas“ mit Hub und Kolbendurchmesser 7mm bei der Firma Lutz Hielscher samt Kessel (ca. 34ccm Inhalt), Gasbrenner und

Kondensatbehälter. Erste Probeläufe auf dem Trockenen ergaben eine Laufzeit im Leerlauf von ca. 5 Minuten. Aufgrund von Abnützungsspuren nach einigen Probeläufen stellte ich ein neues Maschinenfundament mit Kugellagern her.
In der Badewanne mit einer 4-Blattschraube mit 50mm Durchmesser steigerte sich dann die Laufzeit auf ca, 8 Minuten. Dabei gab es immer noch das Problem, dass zuerst das Wasser und dann erst das Gas zu Ende ging. Die Gasfüllung des Brenners lässt sich nämlich kaum exakt dosieren, und trocken laufen sollte der Kessel auch nicht. Eine aufwändige Gas/Druck/Thermostatsteuerung kam bei diesem Projekt für mich nicht in Frage. Deshalb setzte ich eine großflächige 4-Blatt Messingschraube mit 60mm Durchmesser von der Firma Raboesch ein. Die Drehzahl der Maschine nahm damit deutlich ab und der Dampfverbrauch verringerte sich auch ein wenig bei etwas verlängerter Laufzeit (ca. 10 Minuten). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass der Test „im Stand“ in der Badewanne verlief. Wie sich die Drehzahl bei freier Fahrt verhalten wird, bleibt abzuwarten. Das Rezept zur Abhilfe wird wahrscheinlich das genaue Auswiegen des Gastanks im leeren und gefüllten Zustand sein. Es ließe sich aber auch ein größerer Kessel unterbringen. Die praktischen Erfahrungen im Fahrbetrieb werden hier den Weg weisen.
Die gesamte Antriebseinheit ist auf einer Blechschale aus Aluminium fixiert und kann nach Lösen des Verbindungsdrahtes zum Antriebsservo aus dem Rumpf gehoben werden.

RC-Anlage
Eingesetzt wird eine Multiplex Cockpit MM Anlage, die mit dem Multinaut-Modul ergänzt wurde, um die Funktionen Rauchgenerator und Maschinenraumlüftung zu schalten.
Empfänger, zwei Servos und das Multinaut-Modul sind mit einem Minilüfter in einer RC-Box aus Pertinax unter dem Decksalon untergebracht. Die Antenne führt über eine leicht lösbare Steckverbindung zur Reling aus Messingdraht und ist dort angelötet.
Der offen liegende Ruderquadrant wird wie im Original über einen Kettenzug bewegt. Am anderen Ende der beiden Steuerketten sitzt unter Deck ein ähnlicher Quadrant, in den ein Servoarm eingreift. Die Rudersteuerung funktioniert mit ein wenig Spiel und gründlicher Graphit-Schmierung recht gut. Ich muss nur beim Hantieren auf dem Trockenen aufpassen, dass die Kette nicht abgerissen wird.
Unter Deck ist über der Kurbelwelle ein 3000 mAh NiMh Zusatzakku für die Sonderfunktionen untergebracht. Die Ladebuchse samt Schalter sitzt unter dem achteren Deckslicht.

Details und Lackierung
Auf den ca. 350 Fotos, die ich auf der großen FREDERIC MISTRAL geschossen habe, sind sehr viele Details zu sehen, die natürlich nicht alle im Modell wiedergegeben worden sind. Dabei stellt sich auch die Frage, wie weit die Detaillierung gehen soll, um dem etwas unaufgeräumten aber liebevoll restaurierten Charakter des Dampfers gerecht zu werden.

Vorweg: den Beschlagsatz des Baukastens habe ich bis auf die Dampfpfeife und eine Ankerklüse nicht verwendet. Für das „Typschiff“ DUNA waren sie zwar geeignet, doch zu groß waren die Unterschiede zur FREDERIC MISTRAL.
Mit Drehbank, Minifräsern, Draht und Lötkolben wurden Scheinwerfer, Masten, Ankerwinde und Blöcke aus Messing nachgebildet. Die Lackierung erfolgte an den größeren Flächen mit Airbrush, Details wurden mit Humbrolfarben gepinselt. Für die Alterung kamen Artitec Pigmentpulver, verdünntes Washing, Drybrushing und 2-Komponenten Rostlack der Firma modern options zur Anwendung. Das Modell sollte ja auch den betagten Zustand des Vorbilds wiedergeben und nicht steril wirken. Walter Kozian besorgte mir Unterlagen über den Inglefield-Anker, der möglichst vorbildgetreu nachgebildet wurde, und Charly erklärte mir, dass die zu kurz geratene Ladebaumablage auf dem Achterdeck eigentlich auch als Fettpresse für die Wellenanlage zu verwenden ist, und der Kapitän beschwor mich, nicht die blauen Taue im Modell darzustellen, er möchte sie ohnedies gegen echt aussehende austauschen.

Ein interessantes Problem beim Nachbau waren die Veränderungen, die Franz Scheriau in den zwei Jahren auf der großen FrEDERIC MISTRAL vornahm. Bei jedem Fotobesuch schaute das Schiff anders aus. Franz bot mir sogar scherzhaft an, ich sollte den achteren Aufbau im Modell gestalten, er würde ihn dann im Original nachbauen. Ich entschied mich aber, den achteren Decksaufbau im Modell weg zu lassen. Nicht dass mir die Kreation von Franz missfällt, aber da der achtere Mast in den Aufbau integriert ist, wäre das Deck nur mit sehr viel Aufwand abzunehmen gewesen.

Das Modell ist auf der Nachbildung einer Slipanlage befestigt, für die die Korneuburger Anlage als Vorbild gedient hat. Die Präsentation in einem kleinen Diorama hat mir besser gefallen, als die üblichen Modellständer, da so der etwas gealterte Charakter des Modells unterstrichen wird.

Fahrverhalten
Leider hatte ich noch keine Gelegenheit zu einer richtigen Probefahrt. Das Modell wurde aber jedenfalls schon fertig getrimmt.

Dazu legte ich ca. 700g Bleistücke entlang des Innenkiels in den Rumpf, fixierte diese aber noch nicht, um für etwaige Umbauten nach der Probefahrt eine Gewichtsreserve zu haben.

Modelldaten
Maßstab 1:37,5
Rumpflänge 710mm
Breite 165mm
Tiefgang 70mm
Höhe über alles 310mm
Verdrängung 3100g
Bauzeit 2 ½ Jahre